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Neue Arbeitsteilung oft kein Fortschritt für Beschäftigte und Patienten

Berlin. Viele Krankenhäuser in Deutschland haben in letzter Zeit Organisation und Arbeitsteilung verändert. Allerdings bringt das auf den Stationen häufig keine Verbesserungen für Beschäftigte und Patienten. Das zeigt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Untersuchung. Die Studienautoren vom Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen haben darin erstmals untersucht, wie sich die Zuordnung von Aufgaben, Tätigkeiten und Qualifikationen im Reorganisationsprozess der Krankenhäuser verändern. Die Untersuchung wurde Ende August in einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.

Sie zeigt, dass medizinisches und Pflegepersonal weiterhin mit Arbeitsverdichtung und Stellenabbau konfrontiert sind. Vor allem den Pflegenden bleibe oft zu wenig Zeit für Kernaufgaben, insbesondere das Gespräch mit Patienten und Angehörigen.
Das IAT-Forschungsteam um Prof. Dr. Josef Hilbert stützt seine Studie auf eine umfangreiche Online-Befragung, an der sich mehr als 2500 Krankenhausbeschäftigte aus ganz Deutschland beteiligt haben: Neben Pflegekräften, die die größte Gruppe stellen, und Ärzten auch Physiotherapeuten, Sozialarbeiter und medizinische Fachangestellte. Die Befragung ist nicht repräsentativ, vermittelt nach Einschätzung der Wissenschaftler aber einen guten Einblick in die Situation in deutschen Krankenhäusern. Zusätzlich werteten sie die Forschungsliteratur und Daten von Lohnspiegel.de aus – das Projekt, das vom WSI-Tarifarchiv in der Hans-Böckler-Stiftung wissenschaftlich begleitet wird, erhebt die Bezahlung unter anderem in Gesundheitsberufen.
Angesichts der hohen Belastung sowohl von Medizinern als auch von Pflegenden werde in Fachkreisen häufig eine „neue Arbeitsteilung zwischen den Gesundheitsberufen“ gefordert, schreiben die IAT-Forscher. Ansätze dazu seien auf vielen Stationen längst zu beobachten. Auch Krankenhausmanager geben in Umfragen an, in den letzten Jahren schon viel für bessere Arbeitsbedingungen getan zu haben. Die Sicht der Beschäftigten lasse aber „starke Zweifel daran aufkommen, dass diese Veränderungen erfolgreich sind“, betonen Hilbert und seine Forscherkollegen Christoph Bräutigam und Michaela Evans.
So wiedersprechen rund 78 Prozent der Pflegenden, mehr als 63 Prozent der Ärzte und etwa 70 Prozent der übrigen Befragten der Aussage: „Meine Arbeitsbedingungen haben sich in den letzten 5 Jahren verbessert“. Mehr als 50 Prozent der Befragten glauben nicht, dass Patienten von den bisherigen Veränderungen der Aufgabenverteilung auf ihren Stationen profitieren.
Bis zu 50.000 Stellen sind nach Schätzungen von Gesundheitsforschern seit Mitte der 1990er Jahre im Pflegedienst der deutschen Krankenhäuser gestrichen worden – bei steigenden Patientenzahlen. Die in der IAT-Studie befragten Pflegerinnen und Pfleger beschreiben die damit verbundene Arbeitsverdichtung auch für die jüngste Zeit: 71 Prozent geben an, auf ihrer Station seien Pflegestellen abgebaut worden. Lediglich 16 Prozent berichten von neuen Arbeitsplätzen und nur knapp 12 Prozent geben an, dass Aufgaben in der Pflege reduziert worden seien. Auch nach Einschätzung der Ärztinnen und Ärzte sind in ihrem Arbeitsbereich eher Stellen gestrichen als geschaffen worden. Zudem berichten fast 37 Prozent, dass auf ihrer Station Mediziner als Leih- oder Zeitarbeiter beschäftigt würden.
Im Arbeitsalltag erleben viele Beschäftigte aus allen Berufsgruppen permanente Zeitknappheit. Knapp 60 Prozent sagen, sie hätten nicht genug Zeit für ihre Arbeit, weitere 27 Prozent beantworten die Frage mit „teils-teils“. Mehr als die Hälfte der befragten Ärzte und Pflegekräfte können zumindest mehrmals in der Woche nicht die vorgesehenen Pausen machen. Fast 83 Prozent aller Beschäftigten geben an, dass auf ihrer Station wichtige Aufgaben vernachlässigt würden. Jeweils knapp die Hälfte der Befragten finden, dass die Ausbildung auf ihrer Station zu kurz komme. Ein Drittel der Pflegenden und etwa jeder fünfte Mediziner sprechen von Defiziten bei der Dokumentation.
Mehr als 78 Prozent der befragten Pflegerinnen und Pfleger haben nach eigener Angabe in letzter Zeit Tätigkeiten vom ärztlichen Dienst übernommen. Zwar haben in etlichen Kliniken offenbar auch die Pflegedienste Aufgaben abgeben können. Der Anteil der Beschäftigten, die von solchen Entlastungen berichten, ist allerdings deutlich geringer: Knapp 44 Prozent der befragten Pflegekräfte tun das.
Doch auch wenn Verschiebungen in der Arbeitsteilung damit durchaus verbreitet sind – von effektiven Reorganisationen kann nach Analyse der IAT-Experten keine Rede sein. Hilbert und seine Ko-Forscher sprechen von „Experimenten“, die die Praktiker auf den Stationen meist nicht überzeugten. So sei die Entlastung des Pflegedienstes von patientenfernen Aufgaben bei weitem noch nicht systematisch und flächendeckend umgesetzt“. Es handle sich auch oft nur um „Einzeltätigkeiten“ und nicht um zusammenhängende „Aufgabenkomplexe“. Eine sachgerechte interdisziplinäre Kooperation der Berufe komme kaum voran.
Die Forscher vom IAT attestieren den Krankenhausbeschäftigten hohes Engagement. Trotzdem sehen sie insbesondere den Pflegebereich schlecht für eine Zukunft gerüstet, in der das Personalangebot schon wegen der demografischen Entwicklung zurückgeht und ein gravierender Fachkräftemangel droht. Während die Verantwortung der Beschäftigten wachse, blieben ihnen entsprechende Gestaltungsspielräume und Entscheidungsbefugnisse vorenthalten. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Bezahlung: Knapp zwei Drittel der Pflegekräfte gaben an, sie würden nicht ihrer Leistung angemessen bezahlt. Laut WSI-Lohnspiegel verdienen Krankenschwestern bei einer 40-Stunden-Woche brutto durchschnittlich 2.513 Euro im Monat, ihre männlichen Kollegen kommen auf 2.742 Euro. Spezialisierte Operationsschwestern und -pfleger erhalten im Durschnitt 3.247 und 3.533 Euro. Helferinnen und Helfer in der Krankenpflege müssen sich mit weniger als 2.000 Euro im Monat begnügen.
Christoph Bräutigam, Michaela Evans, Josef Hilbert, Fikret Öz: Arbeitsreport Krankenhaus (pdf). Arbeitspapier der Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 306, August 2014.





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